Bild 1/12


 

Vertriebscenter Ernstings Family
Coesfeld-Lette, 1999


Globales Rauschen

Es ist wie in jenen Schlafstätten an der Autobahn: Ein Rauschen, das nie ablässt. Aber ein Rauschen, das man weder hört noch sieht. Dennoch bestimmt es unser Leben immer mehr. In jeder Minute unseres Daseins rasen Waren und Informationen um den Erdball und domestizieren die Distanzen im allumspannenden Netzwerk einer interkontinentalen Logistik. Jeder kennt die Globalisierung – aus dem Fernsehen. Aber kann man sie auch spüren im „Hier und Jetzt“?

Es gibt Orte, die über ihre lokale Reichweite hinausgehen. Orte, die gleichzeitig hier sind und doch abwesend. Zerstreute Orte, die ihrer selbst unbewusst sind. Sie stehen auf keiner Karte. Sie ereignen sich einfach, ohne Vorankündigung – im flüchtigen Blick aus dem Augenwinkel beim Autofahren, in der Langeweile zwischen zwei Flügen oder bei einem Anruf, der einen im falschen Moment erwischt. Sie entstehen durch die Überlagerung von zwei Maßstäben: In die konkrete Präsenz eines „Hier“ dringt ein diffuses „Woanders“. Diese „Nicht-Orte“ (Marc Augé) sind die eigentlichen Orte unserer Gegenwart. Selten sind sie direkt sichtbar, sie materialisieren sich nur zögernd. Und deswegen stellen sie die Architektur der Gegenwart vor eine große Herausforderung: Einen Ort zu schaffen, der seine lokale Begrenztheit überschreitet, um sich in eine andere Räumlichkeit zu entgrenzen. Ein Ort, der weniger einen Punkt im raum markiert als einen Übergang zwischen Räumen mit verschiedenen Größenordnungen.


Flussräume

Der Gebäudekomplex von Johannes Schilling für „Ernsting’s family“ in Coesfeld-Lette hat etwas von dieser erweiterten Örtlichkeit. Das Programm des Gebäudes bietet sich dafür auch direkt an. Als regionales Vertriebszentrum einer Bekleidungskette mit über 750 Verkaufsfilialen in Deutschland stellt es eine Typologie dar, die für die postindustrielle Gesellschaft wahrscheinlich ebenso repräsentativ ist wie die Fabrikhallen für die industrielle Gesellschaft. In der global organisierten Wirtschaft von heute kommt der Distribution von Waren eine zunehmend größere Bedeutung als der Produktion zu. „Add Value“ heißt das in der Sprache der Ökonomie: Wertzuwachs ohne Produktion. Das Vertriebszentrum von Ernsting’s Family funktioniert als räumliche Hülle einer solchen Transformation. Fertig produzierte Kleidungsstücke werden aus aller Welt importiert und im Vertriebszentrum für den Verkauf in Deutschland „aufbereitet“. Das heißt sie werden etikettiert, kommissioniert, zu Lieferungspaketen für die einzelnen Filialen zusammengestellt und schließlich auf dem Straßenweg zu diesen hin transportiert. Am Abend jeden Verkaufstages erhält das Vertriebszentrum von jeder Filiale eine Liste der verkauften Kleidungsstücke und stellt diese darauf erneut als Lieferung zusammen, um die Verkaufsbestände am nächsten Tag wieder aufzufüllen. Entsprechend erschöpfen sich auch die Lagerbestände im Vertriebszentrum, um von nachfolgenden Importlieferungen aus den externen Produktionsorten schließlich wieder aufgestockt zu werden.


Schräge Ebene

Vor diesem Hintergrund wird ersichtlich, warum sich das Vertriebszentrum so verschieden präsentiert, je nach dem, von welcher Seite man sich ihm nähert. Statt auf eine einheitliche Gesamtwirkung zu setzen, moduliert es seine Erscheinung jeweils in Bezug auf die Raumbereiche, mit denen es in Berührung kommt. Besonders deutlich wird dies auf der Seite des Gebäudes, die der Landschaft zugewandt ist und die größte Fernwirkung besitzt. An dieser Seite prallen Welten aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Entsprechen bedeutsam ist ihre räumliche Vermittlung – ein Thema, das in der Architektur von Gewerbeansiedlungen zumeist sträflich vernachlässigt wird. Vor diesem Hintergrund stellt die hier gefundene Lösung, Architektur und Landschaft miteinander zu verweben, eine seltene Ausnahme, namentlich mit gut besetzten Architekturwettbewerben.

Die sanft abfallende schräge Wand, die das Gebäude südseitig abschließt, nimmt dem voluminösen Baukörper jegliche Massigkeit. Aufgrund seiner silbrig glänzenden Aluminiumhaut erscheint das Gebäude in der Mittagssonne von weitem nur wie die Fata Morgana ihrer selbst, sanft umspielt von den umgebenden Baumgruppen, Feldern und Wiesen. Nichts stört die monolithische Ruhe dieser Szene; die Architektur ist nicht geschwätzig, hält sich zurück. Nicht der mindeste Hinweis auf ihre Funktion, denn an dieser Stelle will sie nur eines: Das Gebäude im weichen Fluss der Landschaft zu verankern, ohne deren gleitende Bewegung zu unterbrechen.


Logik der Logistik

Der entscheidende Bezug des Neubaus auf das existierende Gebäude liegt jedoch in der Aufnahme der bestehenden Bewegungsrichtung. Die Logistik bestimmt die Architektur; der Fluss der Bekleidungswaren organisiert die Räume. Aus diesem Grund hat der Neubau keinen eigenen Eingang; es klinkt sich in die lineare Raumsequenz ein, die vom Bauteil A vorgegeben ist: Den Anfang bildet das Eingangstor zum Vertriebszentrum, die Hebetore Calatravas. Hier fahren die LKWs hinein und liefern ihr importiertes Frachtgut ab. Im Bauteil A grob vorsortiert, werden die Bekleidungswaren durch die gläsernen Zeppeline in den Bauteil B gefahren, wo die Etikettierung und Kommissionierung stattfindet. In riesigen Warenkörben werden Liefersortimente für eine Gruppe von Filialen zusammengestellt, die ein LKW in einer Fahrt beliefern kann. Diese Körbe sind das eigentliche Mobiliar dieser Gebäude, eine bewegliche Innenarchitektur: Mit ihrer Masse füllen sie die enormen Hallen, während ihre Bewegung durch die Bauten das bestimmende Ereignis dieser Architektur bildet. Vom Bauteil B gelangen die Warenkörbe über Lastaufzüge in den Bauteil C, wo sie entweder in den oberen Etagen zwischengelagert oder direkt in die Auslieferungsebene im Erdgeschoss für den Abtransport bereitgestellt werden.

Das Bild der sich ankoppelnden Raumfähre, des bereits in der Annäherung des Neubaus an den Altbau evoziert wurde, wiederholt sich hier auf ungemein plastische Weise. Die LKWs docken sich rückwärts fahren an die Schleusentore der Halle an, so dass ihre Laderäume für die Dauer des Beladens zu Fortsetzung des Gebäudeinnenraums werden. Ihr vorbereitetes Innenleben steht schon bereit und muss nur noch in die Frachtkabine eingeschoben werden. Klappe zu, losfahren und ein neuer Liefertag hat begonnen. Als Umsteigebahnhof für Waren hält das Vertriebszentrum den größten Teil seines Umschichtungsprozesses verborgen. Das Einzige, was sichtbar nach außen dringt, ist das Ereignis von Anlieferung und Abholung. Diesen hervorgehobenen Stellenwert hatte Calatrava schon im Altbau ganz richtig empfunden und zum Anlass genommen, diese hauchzarten Tore zu entwerfen, die sich wie Segel heben, unter die der Wind fährt. Mit einer ausgewählten Sinnlichkeit feiern sie den Vorgang, um den es hier geht: Ankommen und Aufnehmen. Das große Hubtor, das Schilling an der anderen Seite des Gebäudes, genauer gesagt an seinem funktionellen Schlusspunkt gesetzt hat ist anerkennende Reminiszenz und modulierendes Echo zugleich auf Calatravas Tore. Auch Schillings Torkonstruktion besteht aus drei einzelnen Teilen. Auch sie verschmilzt im geschlossenen Zustand völlig mit der Haut des Gebäudes und zeigt sich nur für die Dauer ihres Gebrauchs. Kein statisches Tor, sondern eine Ereignisskulptur, deren Magie aus dem Changieren zwischen Erscheinen und Verschwinden herrührt. Der untere Bereich der schrägen Wand besteht aus drei Hubtoren, die unabhängig voneinander geöffnet werden können. Eine an sich einfache, aber verblüffend schöne Konstruktion: Die Tore sind auf zweischenkligen Ständern im Schwerpunkt aufgelegt. Eine Hubvorrichtung zieht sie an der Gebäudeinnenseite nach unten, so dass sich die Vorderseite der Tore aus dem Boden hebt und den Auslieferungsbereich wie das Innere eines Walfischmauls offenlegt.


Auszug aus einem Text von Andreas Ruby im Buch Globallocal ISBN148237658691029