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Schule Buschfeldstrasse
Offene Ganztagsschule, Köln, 2007


Ein jeder Mensch trägt das Bild seiner Schule mit sich im Kopf für den Rest seines Lebens. Heute ist die Schule die erste verinnerlichte Architektur eines öffentlichen Bauwerks, zu dem man einen täglichen Bezug entwickelt. Schulbauten sind somit Teil des kollektiven Gedächtnisses einer jeden Generation.

Architektur als Erinnerungszeichen, oder gar –maschine, unzähliger Biographien, so lässt sich die markant orange-rot lasierte Erweiterung der Bertold-Otto Grundschule deuten. Der direkt an und parallel zur Straße liegende zweigeschossige Baukörper aus Betonfertigteilen stellt daher einen visuellen Code dar, der alle Betrachter unvermittelt anspricht. Er ist eine Grammatik der kollektiven Erinnerung an Kindheit und Jugend. Als eindeutige Zäsur im Stadtraum prägt er unser Bild von der Schule Heute.

Johannes Schilling bezieht eine dynamische wie feste Form mit trapezförmigem Grundriss auf die pädagogischen Anforderungen und Vielfalt einer offenen Ganztagsschule. Die Architektur gibt sich mehr als nur funktional, sie gestaltet, sie vermittelt und fordert heraus. Auch die leuchtende orangerote Lasur der Betonteile, innen wie außen, macht ein passives Erdulden von Lehrinhalten hier praktisch unmöglich. Jeder Winkel stellt insgeheim Fragen und führt den Blick auf Perspektiven, die auf Antworten hinauszulaufen scheinen. Spannung und Neugier liegen beim Betrachten des Bauwerks in der Luft.

Aus der Straßenperspektive wirkt der Neubau verschlossen wie eine Camera Obscura, die im Inneren unwiderruflich die Bilder eigener Schulzeiten projiziert. Tageslicht fällt im spitzen Winkel durch den Spalt des Eingangs. Man schlüpft sozusagen „in“ die Schule hinein und „aus“ ihr heraus. Dahinter liegt der hohe, zusätzlich von Oberlichtern mit Tageslicht durchflutete zweigeschossige Vorraum zu den fünf Betreuungsräumen im Obergeschoss sowie zu Küche und Speisesaal im Erdgeschoss. Kein dunkler langer Korridor führt hier zu stereotypen Klassenzimmern. Die räumlichen Fluchten im Inneren sind so überraschend wie die Zeichenhaftigkeit des Bauwerks von außen, das permanent unsere Neugierde weckt.

Zum Pausenhof strahlt der Bau jedoch eine wohltuende Ruhe aus. Dort öffnet sich der ansonsten geschlossene Baukörper komplett über zwei Etagen. Eine Pfostenriegelfassade aus dunkel eloxiertem Aluminium mit einem durchgehend vorgehängten Balkon erlaubt den Schülern nach Draußen zu treten. Alle Räume verfügen über einen direkten Zugang ins Freie. Dank seiner großzügigen Verglasung stellt die Ostfassade eine bauliche Antithese zur Straßenansicht dar und vermittelt ungehinderte Einblicke in den Schulalltag.

Susan Sontag, die amerikanische Essayistin, vergleicht in ihrem Buch „Über Fotografie“ die Kunst derselben mit einer zeitgenössischen Form von Platons Höhle an dessen Wänden die Menschheit Projektionen der Wirklichkeit erkennt – unendlich viele, immer fort. Mit der starken suggestiven Gestalt der Ganztagsschule an der Buschfeldstraße generiert der Architekt Johannes Schilling Bilder und Eindrücke, Sie haben das Potential Metapher der eigenen Erinnerung und des Lebens zu werden.