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Jugendkirche Hardehausen
Renovierung und Umgestaltung der Kirche Hardehausen, 2015


Das Architekturkonzept zur Neuordnung der Jugendkirche Hardehausen

Es ist schon ein beeindruckender Auftritt, den das ehemalige Kloster Hardehausen dem Besucher bietet. Ein Ensemble großer Bauten liegt fast versteckt in einem Tal, eingebettet in eine Landschaft von Feldern und Wäldern, umgeben von einer sehr alten Mauer, die das Ganze großzügig umfährt und dabei gleich auch etliche Waldstücke, Felder und Teiche einfriedet.

Man nähert sich wegen der Tallage etwas von oberhalb, nimmt die steilen roten Ziegeldächer als erstes wahr, um plötzlich einen engen Durchlass in der voluminösen Mauer zu passieren.
Im Zentrum der Anlage tritt die mächtige Front des eigentlichen Klostergebäudes an der Kopfseite eines zentralen Grünangers in Erscheinung. Scheunenartige Langbauten umringen die grüne Mitte des streng geordneten weitläufigen Karrees.

Kein Zweifel: Dieses im Hochmittelalter einst in einem einsamen Tal gegründete Zisterzienserkloster war in seiner langen Geschichte einmal ein bedeutendes wirtschaftliches und kulturelles Zentrum in der Region.

Die beeindruckenden baulichen Zeugnisse der Vergangenheit spiegeln dies auch heute immer noch wieder. Beispielsweise die Gesamtanlage mit ihrer groß angelegten Ordnung. Oder der wunderbare gotische Kreuzgang im Zentrum des Klostergebäudes. Auch die etwas versteckt liegende Ruine der alten Kirche, nur noch in gemauerter Nachzeichnung der Umrisse erkennbar gemacht. Selbst die unmittelbar angrenzende kleine gotische Michaelskapelle aus dem 14. Jahrhundert erzählt von der ehemaligen Bedeutung dieser großartigen Klosteranlage.

Seit seiner Gründung im Jahre 1140 hat das Kloster vieles erlebt; von der Zerstörung im dreißigjährigen Krieg (1618–1648), dem Wiederaufbau in der heutigen Form (1680–1750) über die Säkularisierung unter Napoleonischer Besetzung (1803–1815) mit der Folge des Abbruchs der Romanischen Basilika (1812) bis hin zur kurzzeitigen Nutzung als „Nationalpolitische Erziehungsanstalt“ unter dem NS–Regime (1944).


Jugendarbeit

Schon ab 1945 begann das Erzbistum Paderborn, hier ein Zentrum für Jugendarbeit einzurichten, dem 1949 die Einrichtung der Landvolkshochschule folgte. 1966 wurde für beide Einrichtungen eine neue Kirche fertiggestellt und in den folgenden Jahren die bestehenden Gebäude für Jugend– und Tagungseinrichtungen umgestaltet.
Die ehemaligen Wirtschaftsgebäude wurden, ebenso wie das Klostergebäude, in Herbergen für Jugendliche verwandelt. Mit vielen Zimmern und allem, was sonst noch an Einrichtungen nötig ist, wie Seminarräume, Speisesäle, Jugendcafé oder Weltladen.
Heute herrscht hier eine lebendige Campusatmosphäre, junge Leute sitzen auf Treppenstufen, stehen in Gruppen zusammen, liegen auf der Wiese.
Es wird ein reichhaltiges und interessantes Programm angeboten, welches von der Bildung über die Persönlichkeitserfahrung bis hin zu vielfältigen kulturellen Veranstaltungen vieles abdeckt, was Jugendliche interessiert und beschäftigt.


Bestand

Die Kirche wurde 1966 nach Plänen von Bernhard Kösters und Herbert Balke über dem westlichen Teil der Ruinen der mittelalterlichen Zisterzienserkirche gebaut. Dem Konzept liegt die Idee der „Zeltkirche“ zugrunde: Auf quadratischem Grundriss stehen relativ niedrige Außenwände, über denen sich ein steiles Zeltdach erhebt. Der Altar ist nach Norden ausgerichtet, die „seitlichen“ nach Osten und Westen gerichteten Wände sind in Betonstützen aufgelöst, zwischen denen die von Vincenz Pieper gestalteten Fenster aus in Betonwaben gefassten farbigen Glassteinen für mäßiges Licht sorgen.

Wenn man sie nicht sucht, findet man die Kirche kaum. Von außen betrachtet liegt sie versteckt hinter dem mächtigen Abteigebäude, von innen gesehen ist sie nur über einen engen Verbindungsgang zwischen Kloster und Landvolkshochschule eher beiläufig zugänglich.


Suche

Seit 2009 wurden seitens des Jugendhauses unter der Leitung von Stephan Schröder konkrete Überlegungen angestellt, wie man die Kirche besser mit der Lebenswirklichkeit junger Menschen verbinden könnte. Einerseits bestehen in vielen Fällen keine selbstverständlichen Bindungen an den Glauben aufgrund der Sozialisation, andererseits haben sich mit zunehmender Informationstechnologie auch die Sehgewohnheiten und Verständnisweisen erkennbar gewandelt.
Mittels Umfragen, Workshops, kreativer Beiträge der Jugend und Diskussionsforen unter Beteiligung von Fachleuten aus den Bereichen Architektur, Jugendarbeit und Theologie wurden die Vorstellungen über die Ziele einer Umgestaltung des Kirchenraums zunehmend konkreter.

Es ging dabei keineswegs darum, neue Informationstechnologien im Sinne der entfremdeten Reproduzierung von Inhalten einzusetzen. Eher das Gegenteil einer Digitalisierung von Glaubensbotschaften war Inhalt der Überlegungen: Es sollte ein möglichst hohes Potential wirklicher Erfahrungen angeboten werden. Sei es im Erlebnis von Gemeinschaft, in der ungestörten Reflexion oder in der Betrachtung und Befragung künstlerischer Werke. Den Beteiligten war bewusst, dass der Raum, das Wort, das Bild und die Musik die stärksten Medien menschlicher Kommunikation und Kultur bilden.

Es wurden unterschiedliche Formen der Erzählung des Glaubens mit den Mitteln des Raums und der Kunst hinsichtlich ihrer jeweiligen Potentiale und Probleme kritisch und auch kontrovers diskutiert.
Ein Focus der Diskussion lag auf der Frage des Erfahrungsraums als Schlüssel einer ganzheitlichen Erkenntnis und Erzählung. Künstlerische Ausdrucksformen wurden dabei in medialer Hinsicht keineswegs auf überkommene Raum-, Bild- oder Klangformen reduziert. Insgesamt gesehen spielte im Hintergrund auch das Thema der Annäherung eine kontinuierliche Rolle.

Die Thematik der Anordnung der „Prinzipalien“, also der wesentlichen liturgischen Gegenstände wie Altar, Ambo oder Tabernakel, nahm in der Diskussion einigen Raum ein. Insbesondere seitens der jüngeren Teilnehmer wurde die Frage einer flexiblen Anordnung aufgeworfen, um den Raum jeweils an den aktuellen Bedarf anpassen zu können. In diesem Zusammenhang wurde auch diskutiert, was den Raum eigentlich zum Sakralraum macht.

Ein Workshop, in dessen Verlauf fünf Teams aus jeweils zwei Theologie– und zwei Architekturstudent(inn)en skizzenhaft konkrete Lösungsansätze entwickelten, hatte einen reichhaltigen Fundus von Erkenntnissen hinsichtlich möglicher architektonischer Strategien zum Ergebnis, der die Diskussion in Richtung einer konkreten Umsetzung weiter befruchtete.


Konzeption

In gemeinsamer Diskussion mit Jugendhaus, Landvolkshochschule, Bistumsvertretern sowie Architekten wurde 2012 ein architektonisches Konzept entwickelt, welches geeignet erschien, Wege, Orte, Bedeutungsbezüge und funktionale Aspekte zu einem sakralen Raum der Annäherung und Erfahrung zu verbinden.

Der architektonische Ansatz besteht entgegen den ursprünglichen Erwartungen nicht in einer Umgestaltung, sondern in einer konsequenten Öffnung, Ergänzung und Vernetzung des bestehenden liturgischen Raums.

Dazu wird die Kirche mit einem Umgang versehen, der direkt an den Kreuzgang des Klosters anschließt und Bezüge zur alten Basilika, zur Natur, zu kontemplativen Orten und zur gemeinsamen Feier der Liturgie eröffnet. Den zentralen Kirchenraum betritt man also nicht direkt, sondern man kann ihn sich auf unterschiedlichen Wegen erschließen.

Dem Umgang werden Orte angegliedert, deren Bedeutung sich aus ihren jeweiligen Raumcharakteristika und Beziehungen zum Gesamtgefüge erleben und interpretieren lassen. Dadurch wird ein Weg der Annäherung und der Ideen geschaffen, der gleichzeitig auch vielfältige Dimensionen der Erzählung von Glauben in sich birgt.

Das Portal zur Kirche sieht man in der Längsachse des westlichen Kreuzgangflügels schon von weitem. Beim Eintritt öffnet sich der Blick in die Natur und es werden dort draußen die Umrisse der alten Basilika erkennbar und die schöne kleine Michaelskapelle sichtbar.

Man befindet sich in einer Art Paradies im alten liturgischen Sinne und erlebt das künstlerische Bild des Wassers als Sinnbild der Taufe. In der Folge nimmt man allmählich die beeindruckende Außenwand des Klosters wahr. Auf der linken Seite taucht hinter einer Reihe von wandartigen Pfeilern der Kirchenraum auf, ein großes hohes Gebilde mit vielen Stühlen und einem Holzboden.

Danach öffnet sich auf der rechten Seite ein hoher Raum, der mit vielen Kerzen beleuchtet ist und Wände aus glattem Lehm hat. Eine Bank in der Rückwand lädt ein, Platz zu nehmen und ungestört ein Bild zu betrachten.

Wendet man sich wieder dem Umgang zu, wird die Atmosphäre nun konzentrierter, das Licht gedämpfter. Am Ende der Blickachse erscheint die helle Wand eines geschlossenen schmalen Patios, der als Hortus Conclusus den westlichen Flügel des Umgangs begleitet.

Auf dem Weg dorthin quert man die zentrale liturgische Achse des Kirchenraums. Zur Linken ist der Altar sichtbar und dahinter der Ambo. Zur Rechten öffnet sich eine runde Sakramentskapelle mit einer umlaufenden Sitzbank, die zur kontemplativen Betrachtung des zentral aufgestellten Tabernakels einlädt.

Der Weg führt weiter entlang dem künstlerisch gewidmeten Patio. Gleichzeitig öffnet sich zur Linken wieder der zentrale Kirchenraum, den man nun seitlich von hinten betritt, um die liturgische Ordnung in ihrer Gesamtheit zu erfahren.

Die Kirche soll insgesamt einen hellen, freundlichen und lebendigen Charakter erhalten, dazu tragen Wände mit natürlichem Lehmputz, der Boden aus Eichenholzdielen, die großzügigen Fenster und eine flexibel aufstellbare Bestuhlung bei. Die Fertigstellung ist für 2015 geplant. Derzeit wird intensiv an einem Kunstkonzept gearbeitet, welches junge und auch nicht mehr junge Menschen besonders ansprechen soll.