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Ecole Européenne Luxembourg II
Zusammenarbeit mit Michel Petit architecte, Europaschule, Luxemburg, 2012


Neben vielen anderen Aspekten spielt die Frage nach der Identität, welche die Ecole Européene II durch ihre Bauten verkörpert, eine wesentliche Rolle. In dieser Hinsicht folgen wir einer modernen Europäischen baukünstlerischen Tradition, welche Inhalt und Form zum lebenswerten Raum verbinden will.


Schulcampus als Raumkomposition
Architektur der Ecole Européene de Luxembourg II


Konzeption

Eine Schule von der Größenordnung der Ecole Européene II hat hinsichtlich ihrer Gebäude nicht nur eine singuläre Identität als Gesamtes. Auch den einzelnen Schu-len und Einrichtungen für unterschiedliche Altersgruppen ist es möglich, eigenständi-ge Lern- und Lebensräume zu entwickeln. Diese können wiederum zum Gesamtbild substanziell beitragen. Ziel war also, die verschiedenen schulischen Einheiten mit ihren jeweiligen Außenbereichen baulich eindeutig ablesbar zu gestalten. Jede Institution hat deshalb ein eigenes Gebäude mit eigenen Höfen und Plätzen. Dies gilt nicht nur für die ein-zelnen Schulen, sondern auch für die gemeinschaftlichen Einrichtungen, die jeweils eine besondere Position im Gesamtensemble einnehmen. Darüber hinaus war es wichtig, dem ganzheitlichen Gedanken der Ecole Européene eine architektonische Form zu geben, also keine voneinander isolierten Bereiche oder Gebiete zu schaffen, sondern ein zusammenhängendes Raumerlebnis zu finden.

Um diese bipolare Idee einer ganzheitlichen Ausrichtung jeweils eigenständiger Lern- und Lebensräume baulich abzubilden, wurde ein System von Raumfolgen und Übergängen entwickelt. Eine räumliche Komposition, welche intuitiv zu begreifen ist und selbstverständlich wirkt. Darauf beruht der Ansatz, die einzelnen Schulen und pädagogischen Einrichtungen sowie deren jeweils eigene Außenflächen um eine gemeinsame Mitte zu gruppieren. Die verschiedenen Gebäude sind dabei Teil eines Spektrums, welches als Ganzes die Ecole Européene verkörpert. Jede Schule hat aber auch eine eigene Position und Identität innerhalb des Ensembles.

In diesem Zusammenhang hat sich die Frage nach der Beziehung der einzelnen Ge-bäude zur gemeinsamen Mitte gestellt. Wir sind zu dem Ergebnis gelangt, dass dies eine möglichst durchlässige Beziehung sein sollte. Das architektonische Bild, welches wir dazu entwickelt haben, sind große offene Überdachungen als Verbindung der jeweiligen urban gefassten Plätze zur topografisch terrassierten gemeinsamen Mitte.

Jedes Gebäude hat also eine Veranda mit Blick auf den zentralen Garten. Dieser zentrale Freiraum öffnet sich wiederum zur talseitigen Landschaft. Das Tal, ein Bio-top, welches landschaftlich geschützt ist, strahlt auf die internen Freibereiche der Schule aus. Das Gebäude mit den öffentlichen Funktionen Restaurant, Festsaal und Verwaltung wurde dabei an der höchsten Stelle mit der besten Aussicht positioniert. Lange Blick-achsen verbinden zudem die einzelnen Höfe der Schulen mit den jeweils gegenüber liegenden Zwischenbereichen, welche in die Umgebung überleiten.


Kontext und stadträumliche Struktur

Das Gelände fällt nach Nord-Westen zum Tal hin mit beträchtlichem Höhenunter-schied ab. Das Geländegefälle wurde dazu genutzt, eine differenzierte Höhenstaffe-lung vorzunehmen. Insgesamt ergibt sich dadurch eine Wirkung ähnlich einer kleinen Stadt, welche sich in das Gelände schmiegt. Das Ensemble sollte in der Fernwirkung nicht als geschlossener Block erscheinen sondern wurde in gestaffelter Form in den landschaftlichen Kontext eingefügt. Es ergeben sich nach außen hin keine langen Fronten, sondern eine Abfolge von einzel-nen Plätzen. Es wurden dabei zahlreiche räumliche Durchlässe zum Innenbereich des Ensembles geschaffen. Durch die versetzte Anordnung der Baukörper war es gleichzeitig möglich, die not-wendigen Erschließungsfunktionen in kleinere Einheiten aufzugliedern.

Die ringförmige Erschließungsstraße hat dabei in ihrer geschwungenen Form und durch die topografischen Höhenunterschiede sowie die unmittelbar angrenzenden Felder beinahe schon den Charakter einer Landstraße, die sich in ihrem Verlauf teilweise an die vorgefundenen Feldwege anlehnt.


Gestaltungsprinzipien

Die Baukörper haben aufgrund ihrer ruhigen Proportion und Gliederung trotz ihrer Größe eine nahbare Präsenz. Eine wichtige Rolle spielt dabei die großzügige Proportion der Öffnungen und das harmonische Verhältnis zwischen offenen und geschlossenen Flächen. Durch ihre Farbgebung, die sich an den Erdfarben der umgebenden Topografie orientiert, wird die Verbindung des Ensembles mit der Landschaft unterstützt. Es entsteht eine insgesamt warme Atmosphäre, bei der die Gebäude etwas zurücktreten. Um diesen Effekt zu verstärken, sind auch die Überdachungen, Fensterprofile oder Metallflächen eher dunkel gefärbt.

Das Fassadenmaterial, mit rohen Brettern geschalter Beton, gibt den Baukörpern etwas „lehmiges“ und spiegelt in seiner leichten Unregelmäßigkeit die Struktur der umgebenden Landschaft wieder. Die Gebäude sind dadurch weniger abstrakt und wirken menschlicher, da man das Handwerk spürt. Die massiven Fassadenplatten stehen fest auf dem Boden, wodurch die Gebäude ruhig und solide wirken, so als wären sie aus der terrassierten Topografie herausgeformt. Auch die begrünten Dachflächen tragen dazu bei, dass man den Kontext der Kulturlandschaft spürt.

Im Inneren werden durchgängig helle Farben verwendet, die in Zusammenhang mit einem sorgsam ausgearbeiteten Farbkonzept auf der Basis farbiger Gläser eine be-sondere Atmosphäre erzeugen. In einigen Bereichen wurden kräftige Akzente durch großflächige farbige Außenverglasungen gesetzt.

Das architektonische Bild zur Materialität und Farbigkeit hat Ähnlichkeit mit dem Bild einer Austernschale: außen ist sie rau und Erdig, wie die Umgebung, innen glatt, hell und farbig changierend, wie Perlmutt.


Schulcampus als Raumkomposition

Wenn wir die Gebäude der Ecole Européene de Luxembourg II betrachten, sie aus den verschiedensten Blickwinkeln erleben, ergibt sich ein räumliches Gesamtbild. Man erfährt eine differenzierte räumliche Ordnung, deren Grundlage aus ganz unter-schiedlichen Aspekten und Faktoren besteht. Diese vielfältigen Einflüsse wurden in einem fachlichen und künstlerischen Arbeitsprozess in ihrer Gesamtheit zu einem konkreten räumlichen Phänomen geformt.

Ein grundlegender Aspekt war dabei die Programmatik der Europäischen internatio-nal orientierten Einrichtung mit einem umfangreichen schulischen Angebot für alle Altersstufen. Das pädagogische und organisatorische Programm umfasst unter anderem unterschiedliche Schulformen und Betreuungseinrichtungen sowie zentrale Einrichtungen wie beispielsweise Mensa, Festsaal oder Sportcenter.

Ein weiterer interessanter und wichtiger Aspekt war die räumliche Lage und die Ein-bettung in die Topografie. Es ging um ein breites Spektrum städtebaulicher Fragestellungen. Diese beinhalten die städtebauliche Gliederung und Größenverhältnisse oder die stadträumlichen Beziehungen der Freiräume zueinander und zur Umgebung. Sie betreffen aber auch andere wichtige Faktoren wie etwa die Verkehrserschließung im weiteren wie im engeren Maßstab.

Aber auch die komplexen Zusammenhänge der baulichen Struktur und deren ganz-heitliche sowie detaillierte Ausformulierung sind wesentlich für das architektonische Ergebnis. Das bezieht sich beispielsweise auch auf die funktional sinnvolle Anord-nung und Ausgestaltung der vielen einzelnen Nutzungseinheiten und Räume zu ei-nem Gesamtsystem, welches die komplexen funktionalen, emotionalen und techni-schen Anforderungen erfüllt.

Die räumliche, strukturelle und farbliche Ausformulierung und Ordnung der Baukörper hinsichtlich ihrer Proportionen, Aufteilungen und Materialität macht schließlich den Geist und Charakter der baulichen Strukturen deutlich: Die Gebäude sollen Offenheit, Zuverlässigkeit und Selbstbewusstsein ausstrahlen und zu einem interessanten, sympathischen Lern- und Lebensraum für Kinder aller Altersstufen werden.