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Mariendom Hildesheim
Renovierung und liturgische Neuordnung Mariendom, Hildesheim, 2015


Viel bewirken ohne viel zu verändern
Das Architekturkonzept zur Sanierung und Neuordnung des Mariendoms


Eine Besonderheit der Hildesheimer Kathedrale ist ihre Außenwirkung. Dicht umstellt von niedrigen Häusern, auf einer vom Verkehr abgeschirmten Anhöhe etwas außerhalb des eigentlichen Stadtzentrums, entspricht sie nicht dem Stereotyp einer das Stadtbild beherrschenden Kathedrale wie man es aus vielen europäischen Städten gewohnt ist.

Über diverse Treppen, Torbögen, Gassen findet der Besucher auf den Domhof und auf einmal ist alles anders als sonst, ruhiger, besinnlicher, bedeutsamer. Wären da nicht die Platzflächen sorgfältig neu gestaltet, könnte man sich fast einreden, die Zeit sei hier stehen geblieben.

Der Dom liegt ruhig und verankert wie ein Juwel in seiner Fassung. Seine Gestalt lässt einen sehr alten robusten romanischen Kern erkennen, eine fein ausgearbeitete gotische Schale sowie weitere Ergänzungen aus unterschiedlichen Epochen, wie etwa den barocken Vierungsturm. Begibt man sich auf die Entdeckungsreise nach dem Wesen dieses außerordentlichen Ensembles, erschließt sich nach und nach seine kunsthistorische, religiöse und künstlerische Dimension. Ein wahrer Schatz, der einen innerlich bereichert in die geschäftige Welt außerhalb dieses abgeschiedenen Bezirks zurückkehren lässt.

Ein Bauwerk von der historischen und sakralen Bedeutung des Hildesheimer Doms vereint eine Reihe ganz unterschiedlicher Facetten des Ausdrucks menschlichen Schaffens und menschlicher Hoffnungen zu einem räumlichen Gesamten. In vielen baulichen Details ist die Jahrhunderte alte Geschichte ablesbar und die klare und gleichzeitig auch komplexe räumliche Ordnung spürbar, die kluge und mutige Konstruktion, die mit Hilfe von Pfeilern, Stützen und Bögen Massen von Stein zu lichten, weiten Räumen formt. Die sinnliche Materialität der Oberflächen. Das sich in Jahres– und Tageszeiten verändernde Licht, welches den Innenraum zum Leben erweckt, ihn bald in ruhiger Plastizität, bald in dynamischer Bildhaftigkeit erscheinen lässt.

Man lässt die erhebende und befreiende Atmosphäre eines solch außergewöhnlichen Raumes auf sich wirken. Darüber hinaus inspirieren die beeindruckenden Kunstwerke, der Klang der Musik und die Feier der Eucharistie. Dies alles sind Dinge, die das menschliche Leben und die menschliche Sehnsucht nach Gemeinschaft und nach einem Sinn hinter dem täglich Erfahrbaren widerspiegeln.

Das komplexe Zusammenwirken dieser Vielfalt von Eigenschaften in einem einzigen großartig gedachten Bauwerk macht die Ausstrahlung dieser Kathedrale aus, deren Bedeutung über die herkömmlichen Begrifflichkeiten von Funktion oder Zweckmäßigkeit weit hinaus geht. Es sind im Kern nicht der Prunk oder die Macht, die uns beeindrucken, sondern es sind die Intelligenz und Empfindsamkeit vieler menschlicher Generationen, welche hier in einem ganzheitlichen und lebendigen Werk zum Ausdruck kommen.


Ausdruck einer langen Geschichte

Der Raum, den man wahrnimmt, ist gleichzeitig das Ergebnis stetiger Veränderungen und Ergänzungen über einen sehr langen Zeitraum hinweg. Jede menschliche Konstruktion ist schließlich an ihre Zeit gebunden, an deren Hoffnungen und auch an deren Katastrophen.

So wurde der Dom schon im frühen Mittelalter mehrfach verändert und erweitert. Er wurde auch in großen Teilen zerstört und wieder neu aufgebaut. Verheerende Brände spielten dabei ebenso eine Rolle wie sich stetig wandelnde gesellschaftliche Bedingungen, liturgische oder räumliche Vorstellungen und machtpolitische Verhältnisse. Aus dem späten Mittelalter erzählen beispielsweise die gotischen Erweiterungen, finanziert durch reiche Stifterfamilien, von der aufkommenden Bedeutung des Bürgertums. Die seit dem 17. Jahrhundert erfolgte komplette barocke Überformung des Innenraums – aus der Vorkriegszeit noch fotografisch überliefert – war Ausdruck des absolutistischen Weltverständnisses der Neuzeit und seiner wechselseitigen Begründung von weltlicher Obrigkeit und kirchlichem Glauben.

Die Spuren des Wiederaufbaus nach den starken Zerstörungen des zweiten Weltkriegs sind immer noch allenthalben sichtbar, wenngleich die Integrität des Bauwerks in seinen wesentlichen Strukturen zum Glück erhalten blieb.

Die den zerstörten Originalen nachgebildeten Pfeiler und Stützen, aus Beton gegossen und nicht etwa aus Stein gehauen, erzählen die Geschichte der großen Anstrengungen, eine durch den Krieg aus den Fugen geratene Welt zumindest äußerlich wieder in Ordnung zu bringen. Es wurde dabei letztendlich auch ein Refugium aufgebaut, das dem Glauben, den Hoffnungen und der Gemeinschaft im wörtlichen Sinn Raum gab.

Angesichts der offenkundigen Vergänglichkeit der materiellen Substanz eines solchen Bauwerks, das in seiner langen Geschichte immer wieder erneuert, verändert und erweitert wurde, stellt sich gleichzeitig auch immer wieder neu die Frage, welchen verantwortlichen Beitrag eine Generation oder eine Epoche leistet, um dieses Erbe und seine räumlichen und künstlerischen Zeugnisse im Sinne einer lebendigen, konkret erfahrbaren Tradition in die Zukunft zu tragen.

Nichts Menschliches ist schließlich für die Ewigkeit gedacht oder gebaut. Jedes Bauwerk ist nur dann wirklich von Dauer, wenn neue Generationen – über die museale Verwaltung der Vergangenheit hinaus – immer wieder etwas Neues damit beginnen können. Der Sinn dahinter sich um die Zukunft zu sorgen, erschließt sich ja erst dann, wenn man auch die Weiterentwicklung der erfahrbaren Vergangenheit sehen kann, wenn sich die Werte unserer Kultur und deren Begründung lebendig und konkret am Ort unseres täglichen Daseins erfahren lassen.


Architektonisches Gesamtkonzept

Bei den Überlegungen zur erforderlichen Sanierung und Neuordnung des Doms ging es also nicht darum, unsere Zeit mit baulichem Ewigkeitsanspruch zu manifestieren, sondern vielmehr um die immer wieder aktuelle Aufgabe, auf Basis der Vergangenheit die Gegenwart zu verstehen und in die Zukunft zu denken.

Es stellte sich die Frage nach einem möglichst authentischen architektonischen Konzept, das in der Lage wäre, den unterschiedlichsten Anforderungen sensibel gerecht zu werden, ohne die Konsistenz des Gesamtwerks aus dem Blick zu verlieren.

Dies war umso wichtiger, als angesichts der historischen Bausubstanz während der jahrelangen Planungs– und Bauzeit zahlreiche Anpassungen aufgrund sich immer wieder neu ergebender Erkenntnisse zu erwarten waren. Gleichzeitig bestand eine Vielzahl von technischen, konstruktiven, funktionalen, rechtlichen, finanziellen, denkmalpflegerischen, archäologischen, kunsthistorischen, musikalischen und zuallererst liturgischen Ansprüchen an die Renovierung. In dieser Hinsicht lassen sich vielleicht Analogien zu einer aufwendigen Filmproduktion herstellen, mit unzähligen Beteiligten an verschiedensten Drehorten und den vielen damit verbundenen Unwägbarkeiten: All das muss sich in diesem Beispiel der filmischen Erzählung unterordnen, denn dem fertigen Werk soll man den komplexen Entstehungsprozess am Ende möglichst nicht ansehen.


Wenige Grundsätze

Das Architekturkonzept beruht auf wenigen Grundsätzen, die man folgendermaßen zusammenfassen könnte:

1. Den Raum klären entsprechend seiner ihm eigenen Charakteristik und Ordnung. In der Musik würde man dies vielleicht als Komposition, Struktur oder Satzfolge bezeichnen.

2. Die Liturgie ordnen gemäß der Bedeutung ihrer Verkündigung und Sinngebung. Analog zu unserem musikalischen Beispiel könnte man dies mit der Tonfolge oder einer komplexen Melodie vergleichen.

3. Die Dinge sichtbar machen so wie sie sind und Neues möglichst erkennbar aber zurückhaltend formen, um eine differenzierte Erfahrbarkeit des Gesamten zu ermöglichen. Dies betrifft im Wesentlichen die materielle und formale Ausprägung aller räumlichen Komponenten, also – wiederum musikalisch gesprochen – die Instrumentalisierung und Klangcharakteristik des Raums.

Diesen Grundsätzen liegt die Vorstellung von einem ganzheitlichen und differenzierten Raumklang zugrunde, der sowohl die Präsenz vergangener Epochen als auch die Sichtbarkeit unserer heutigen Zeit zu einem umfassenden Akkord vereint. Ein Klang, in dem die vielen einzelnen den Raum prägenden Stimmen präzise, klar und mit angemessener Gewichtung zur Geltung kommen und dabei insgesamt eine transparente Harmonie erzeugen.


Den Raum klären

Der erste Grundsatz, den Raum zu klären, diente dazu, diesen in seiner Logik und Schönheit erfahrbar zu machen, die räumlichen Eigenschaften des Doms wieder möglichst authentisch herauszustellen. Dabei lag ein durch die überlieferte Bausubstanz begründeter Schwerpunkt auf der Herausarbeitung der romanischen Raumcharakteristik mit ihrer klaren und differenzierten Geometrie.

Dominierende nachträgliche Einbauten aus der Wiederaufbauzeit wie etwa die der Westwand vorgelagerte massive Orgelempore oder die Treppenanlage im nördlichen Querhaus wurden also entfernt. Die Beziehung zwischen Krypta, Langhaus und Vierung wurde durch Reduzierung der überbreiten Altartreppe und Freilegung der Zugänge zur Krypta in den ursprünglichen Zustand und damit in ein besseres Gleichgewicht gebracht. Die Absenkung des in den 1960er Jahren angehobenen Fußbodens auf das ursprüngliche Niveau hatte eine erhebliche Verbesserung der Raumproportionen zur Folge und stellte die alten Proportionen der Säulen wieder her, deren Basen nun nach Befund rekonstruiert werden konnten.

Die hellen gotischen Seitenkapellen, die mit ihren Kreuzgratgewölben den dreischiffigen romanischen Raum um eine lichte Dimension erweitern, wurden mit ihrer klar ablesbaren baulichen Plastizität nahtlos einbezogen. Hier wurde durch die Neuanordnung nach dem Krieg noch erhaltener Kunstwerke ein Bezug zur ursprünglichen Widmung wieder hergestellt. Teilweise wurden auch neue liturgische Inhalte wie Beichte oder Chormusik eingebracht.

Eine Reihe weiterer Maßnahmen, wie etwa eine lichte Verglasung der Apsisfenster, die Herstellung einer Sichtverbindung zu beiden Ebenen des zweigeschossigen Kreuzgangs, der Abschluss des nördliches Querhauses gegenüber dem gotischen Godehardichor oder eine homogene Farbgebung trugen zusätzlich dazu bei, die charakteristische Raumkonstellation zur Geltung zu bringen.


Die Liturgie ordnen

Dieser zweite und vielleicht wichtigste Grundsatz hatte das Ziel, die Dinge gemäß ihrer liturgischen Funktion und Bedeutung wieder in eine sinnvolle Beziehung zueinander zu setzen.

Das Rückgrat der räumlichen Sinngebung wird durch eine liturgische Achse gebildet, welche sich von Westen nach Osten erstreckt. Hier reiht sich eine Folge von Orten und Bildern auf, die dem Raum im Einklang mit seiner baulichen Gliederung eine starke Bedeutungsdimension verleihen.

Von Westen nach Osten folgen in der Mittelachse des Hauptschiffs nacheinander die Bernwardtür, die Orgel, das Taufbecken, der Heziloleuchter, der Aufgang zum Altarraum, der Altar, der Thietmarleuchter, die Irmensäule. Darunter die Krypta mit dem Marienreliquiar und dem Gnadenbild, der Godehardschrein, die Bischofsgrablege. Im Kreuzganghof der Rosenstrauch, der Domherrenfriedhof und die Annenkapelle.

In der Krypta steht an zentraler Stelle der bedeutende mittelalterliche Godehardschrein. Die neu geschaffene Bischofsgruft liegt von dort aus axial zugänglich im Bereich des dritten Pfeilerjochs. Bei den Ausgrabungsarbeiten wurden die steinernen Sarkophage der Bischöfe Ebo (845–851) und Berthold (1119–1130) genau in der Achse des Mittelschiffs gefunden. Sie wurden dort in der Fundlage erhalten und liegen nun im Zentrum der neuen Bischofsgruft.

Der Altarbereich wurde in der Vierung zwischen Langhaus und Querhaus neu geordnet. Der Altar wurde möglichst nahe zur Gemeinde errichtet und steht nun zentral über dem Godehardschrein.

Der von Ulrich Rückriem geschaffene Altar ist das bedeutende künstlerische Zeugnis unserer Zeit innerhalb des Doms. Mit konzentrierten bildhauerischen Mitteln stellt das souveräne Werk komplexe und universelle Bezüge her zwischen dem Ursprung der Welt und unserem menschlichen Dasein.

Den Hochchor prägt der wertvolle Thietmarleuchter, der hier Jahrhunderte lang die Mitte des Chorgestühls bestimmte. Seit den 1980er Jahren war er in der Antoniuskirche angeordnet und bildet nun wieder ein wichtiges Element auf der liturgischen Achse. Im Bereich der Chorapsis steht die sagenumwobene Irmensäule welche nun das Altarkreuz trägt.

Die Fenster der Chorapsis wurden lichtdurchlässiger verglast, wodurch der Chorraum heller wird und als Teil des Gesamtgefüges besser zur Geltung kommt.

Durch das mittlere Fenster kann man, in Fortsetzung der liturgischen Achse, den „tausendjährigen“ Rosenstrauch wahrnehmen, der sich auf die Gründungsüberlieferung des Hildesheimer Doms bezieht.

Das Querschiff stellt über die Vierung und die Krypta eine Verbindung zwischen der liturgischen Achse und dem, sich nach Osten anschließenden, zweistöckigen Kreuzgang mit dem Domherrenfriedhof, der Annenkapelle und dem Dommuseum her.

Die nach Osten ausgerichteten Kapellen des Querhauses bergen besondere Reliquien, wie etwa den Schrein der Dompatrone (Epiphaniusschrein) im nördlichen Querhaus.

Das Zentrum des südlichen Querhauses bildet die berühmte bronzene Christussäule mit ihrem eindrucksvollen figürlichen Bildprogramm aus bernwardinischer Zeit. Ursprünglich wurde sie für St.Michael geschaffen, die Gründungskirche und Grablege Bernwards, wo sie, zentral im Vierungsbogen hinter dem Altar aufgestellt, die Kreuzigungsszene trug. Ende des neunzehnten Jahrhunderts gelangte sie in den Mariendom.

Ihre heutige Aufstellung kann und soll nicht ihren ursprünglichen liturgischen Stellenwert neu erfinden oder gar simulieren. Es ist jedoch ein würdiger Ort hinsichtlich der religiösen und historischen Bedeutung dieses herausragenden Zeugnisses künstlerischen Ausdrucks im Zeichen des Glaubens. Die Christussäule wurde also plan auf den Kirchenboden gestellt, lediglich eine Fuge im Boden markiert ihre feste Position.

Die von dort aus über den Kreuzgang zugängliche anmutige Laurentiuskapelle wurde als Sakramentskapelle gewidmet. Dies stellt einen schönen Zusammenhang her, der das Gefüge des gesamten Ensembles noch einmal besonders erfahrbar macht. Ein Sinngehalt, der auch solch wundervolle Orte wie die Steinbergkapelle, die Annenkapelle oder die Marienkapelle einbezieht.


Die Dinge sichtbar machen

Der dritte Grundsatz, den Raum in seiner Gesamtheit und in seinen Details möglichst authentisch sichtbar werden zu lassen, beruht auf der unmittelbaren Wirkung unserer unverstellten Wahrnehmung. Dabei sollten notwendige bauliche Eingriffe der heutigen Zeit architektonisch mit hohem Anspruch, aber in ihrem formalen Ausdruck eher zurückhaltend, homogen, integrativ und zeitlos gestaltet werden, auch um eine differenzierte Erfahrbarkeit des Gesamten in seinem historischen Kontext so wenig wie möglich zu dominieren oder zu überformen.

Die Raumoberflächen wurden aus Materialien hergestellt, die sich in ihrer natürlichen Beschaffenheit und Farbe differenziert und harmonisch ergänzen.

Der Boden bildet die Basis für den aufstrebenden Raum und für alles, was darin geschieht. Ihm kommt daher die Bestimmung eines allseits präsenten, in sich ruhenden Hintergrundes zu. Er besteht aus farblich dem Bestand entsprechendem Sandstein, welcher als homogene Fläche in einer zurückhaltend auf die Raumstruktur abgestimmten Gliederung verlegt wurde. Die materialgerechte handwerkliche Bearbeitung macht seine Oberfläche zusätzlich wertvoll, neutral und erdverbunden.

Die aufstrebenden Pfeiler und Stützen tragen gleichsam den Raum und zeigen das Material, aus welchem sie konstruiert sind. In architektonischer Hinsicht hat ihre Proportion und Gestalt eine den Raum charakterisierende Eigenschaft, welche durch die Absenkung des Bodens wieder zur Geltung kommt. Die größtenteils verloren gegangenen Basen wurden im Sinne der räumlichen Gesamtwirkung nach alten Vorbildern rekonstruiert. Allerdings wurde hierzu das gussfähige Material Beton verwendet – auch um die Rekonstruktion sichtbar zu machen. Viele Stützen sowie einige Pfeiler weisen ebenfalls das schon bei ihrer Nachkriegsrekonstruktion verwendete Material Beton auf.

Die Wände sind mit einem mehrlagigen Wandverputz versehen, der in seiner mineralischen Zusammensetzung auf die physikalischen und chemischen Eigenschaften der vorhandenen Untergründe aus Naturstein oder Ziegeln eingestellt wurde. Die Putzoberfläche folgt den leichten Unebenheiten des tragenden Mauerwerks und macht dieses dadurch spürbar, ähnlich wie sich eine differenzierte Muskulatur leicht unter der Haut abzeichnet. Es wurde kein Farbanstrich aufgebracht, sondern man sieht die natürliche helle Farbe der obersten Kalkputzlage mit ihren sandigen Schattierungen und Körnungen.

Die flachen, filigranen Decken hat man in der Wiederaufbauzeit in formaler Anlehnung an die Holzbalkendecken frühromanischer Kirchen gestaltet, jedoch aus Betonbalken konstruiert und anschließend mit dunklen Holzbrettern verkleidet. Raumakustische Messungen ergaben, dass diese Verkleidungen Ursache der bisher für die Dommusik ungünstigen Akustik waren, weshalb die Holzverkleidung im Zuge der Sanierung entfernt wurde. Die freigelegte sehr schöne filigrane Betondeckenstruktur aus den 1950er Jahren wurde anschließend mit dem gleichen Putz wie auf den Wänden geglättet. Dadurch ergibt sich ein geschlossenes Raumbild, das nicht nur die Gewölbe der gotischen Seitenkapellen mit den Decken des romanischen Kirchenraumes in ein Gleichgewicht bringt, sondern auch sämtliche Wände und Decken zu einem harmonischen System aus konstruktiven Elementen verschiedenster Entstehungszeiten vereint.

Auf einzelne Fragen, wie etwa die Rückpositionierung der Bernwardtür oder die Neuerrichtung einer Bischofsgruft, mussten teilweise differenzierte architektonische Antworten gefunden werden.

Um das Westparadies vom Kirchenraum aus zur Betrachtung des an seinen ursprünglichen Ort zwischen westlicher Vorhalle und Kirchenraum versetzten Bronzeportals zugänglich zu machen, wurden – bewusst als Nebenwege erfahrbare – seitliche Zugänge durch die drei Meter starken Turmwände gesägt. Die Sägeschnitte sind ablesbar. Auch Innenwände und Decke des Westparadieses erscheinen, im Unterschied zum verputzten Kirchenraum, in rohem alten Mauerwerk und sichtbarem Beton, was den Charakter einer Vorhalle außerhalb des Kirchenraums unterstreicht. Lediglich das schwere Gewände der Bernwardtür, dem alten Vorbild aus Beton nachgeformt, durchstößt die Abschlusswand und ist gleichzeitig sowohl im Westparadies wie auch im Kirchenraum in seiner alten Form und heutigen Materialität sichtbar.

Der Bau der neuen Bischofsgrablege war zwar auch in der Ausführung eine besondere Herausforderung, da neben den konstruktiven und technischen Themen wie Erdabfangungen oder Grundwasser der Erhalt wichtiger archäologischer Funde berücksichtigt werden musste. Insbesondere war aber die Grundkonzeption und die damit verbundene Herstellung räumlicher und liturgischer Bezüge die eigentliche Aufgabe.

Die Lage im Mittelschiff und der Zugang aus der Krypta, in der Achse des Schreins des Bischofs Godehard, stellt eine direkte räumliche Beziehung her zu dem ältesten Teil der Bischofskirche, dessen Fundamente bei den aktuellen archäologischen Grabungen unterhalb der Krypta identifiziert wurden. Darüber hinaus wird die Gründungslegende des Bistums in Gestalt des Rosenstocks durch ein neu geöffnetes Fenster in der Apsis der Krypta erfahrbar.

Das Gedenken an die Hildesheimer Bischöfe wird durch diese räumlichen Bezüge in einen Zusammenhang gestellt und so die lange kontinuierliche Geschichte ihres Wirkens in das dankbare Gedenken an den jeweils einzelnen Bischof miteinbezogen. Dem Gedenken wird innerhalb der Bischofsgruft auf der liturgischen Achse Raum gegeben und durch das Wandelkreuz aus dem 12. Jahrhundert ein Bezugspunkt geschaffen.


Gestaltungsaspekte

Eine Besonderheit weist die neue Gestaltung der Orgel auf. Aus musikalischen Gründen war ein Rückpositiv erforderlich, welches in den Raum hineinragt. Im Sinne eines mit Rücksicht auf die Kunstgegenstände möglichst zurückhaltenden Erscheinungsbildes wurden die Orgelprospekte von Rückpositiv und Hauptorgel zu einem Gesamtbild verbunden und dabei gleichzeitig der gestalterische Ausdruck auf die musikalischen Eigenschaften des liturgischen Instruments konzentriert.

Bei der Möblierung wurde auf Kirchenbänke verzichtet zugunsten von Stühlen, deren Aufstellung man dem jeweiligen Bedarf besser anpassen kann und die den Raum auch weniger „Zugestellt“ wirken lassen. Kirchenbänke wurden erst nach Mitte des 15. Jahrhunderts, also weit nach der Entstehungszeit des Doms, eingeführt. Durch den Einsatz von Stühlen ergibt sich die Möglichkeit, große Bereiche bei der alltäglichen Nutzung frei zu halten, was der Raumwirkung zugute kommt und zudem die Kirche auch bei kleineren Gottesdiensten nicht durch unbesetzte Bankreihen leer wirken lässt.

Die Stühle aus Eichenholz wurden von dem Londoner Designer Martin Ebert eigens für den Hildesheimer Dom entworfen. Neben zurückhaltender Leichtigkeit waren handwerkliche und gestalterische Qualität sowie eine gewisse Vertrautheit und Zeitlosigkeit grundlegend für das Design.

Ein wichtiger Aspekt hinsichtlich der Raumwirkung ist die Ausleuchtung außerhalb der Tageslichtzeiten. Je nach Anlass und Nutzung muss sie festlich oder intim, auf bestimmte Dinge konzentriert oder das Ganze erfassend ausgelegt sein. Das von dem Lichtingenieur Walter Bamberger entwickelte Konzept nutzt die technischen Möglichkeiten unserer Zeit dazu, die Lichtstimmung in den Vordergrund zu stellen und die Technik dahinter verschwinden zu lassen.

Um den Raum und seine Kunstgegenstände, wie beispielsweise auch den Heziloleuchter, in ihrer Wirkung möglichst wenig zu beeinträchtigen, wurden keine sichtbaren Leuchtkörper im Raum angeordnet. Die Lichtquellen „verschwinden“ innerhalb der Bauteile und leuchten wie Sonnenstrahlen durch schmale Deckenspalten oder aus Fensternischen. Dabei können gleichzeitig nahezu alle Raumbereiche in allen Richtungen und in jeder erwünschten Helligkeit ausgeleuchtet werden. Hierdurch wird für die unterschiedlichsten Anlässe eine jeweils angemessene selbstverständlich wirkende Lichtstimmung ermöglicht. Auch können einzelne Kunstgegenstände zusätzlich besonders hervorgehoben werden.


Anmerkung zur Baukunst

Sich bewegen, wachsen, sehen, hören, riechen, begreifen, fühlen, sprechen, verstehen, denken, empfinden, erfinden: Kunst verändert unsere Welt, indem sie uns begeistert. Kunst zu verstehen ist auch überhaupt nicht schwer. Schon Kinder begreifen die Welt, indem sie spielen, malen, singen, tanzen, Geschichten erzählen, bauen oder Dinge zu etwas neuem ordnen.


Johannes Schilling